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Die Marktwirtschaft nutzt das Wissen aller, die sich auf dem Markt begegnen. Bildquelle: Fotolia

Steffen Bethmann (CEPS): Avenir Suisse will frühzeitig relevante Themen definieren und Handlungsbedarf sowie Lösungsvorschläge und Denkanstösse aufzeigen. Wie gehen Sie in der Themenauswahl und Lösungsentwicklung vor?

Gerhard Schwarz:  Unsere Projektleiter treffen sich regelmässig zu einem Brainstorming. Wir haben viele Kontakte, halten Referate, nehmen an Tagungen teil, spüren den Puls der Leute. Wir lesen Tageszeitungen und Fachliteratur. Daraus entwickeln sich unsere Schwerpunkte. Unsere Programmkommission berät uns bei der Auswahl der Themen und stellt sicher, dass die wissenschaftliche Qualität stimmt. Während wir anfangs fast nur mit externen Spezialisten arbeiteten, produzieren wir heute das Meiste «in-house». Die ökonomische Perspektive steht im Zentrum, aber wir ergänzen sie durch andere Blickwinkel, denn die meisten Themen verlangen Interdisziplinarität. Auch der Blick über die Landesgrenzen hilft uns. Wir verfolgen die Arbeit ausländischer Think-Tanks und arbeiten mit einigen regelmässig zusammen. Besonders intensiv ist die Zusammenarbeit mit zwei Think-Tanks, die nach unserem Vorbild gegründet wurden: Agenda Austria in Wien und Zukunft.li in Liechtenstein.

Schränkt die Vorabfestlegung auf liberale, marktwirtschaftliche Positionen die Entwicklungen von Lösungsansätzen ein?

Gewiss, wir bieten keine sozialistischen Lösungen. Aber wir haben in der Vergangenheit oft bewiesen, dass wir kreativ, überraschend und undogmatisch sind in der Themenwahl, in den Antworten. Die Orientierung am Individuum lässt viel mehr offen, als wenn man zu sehr auf den Staat setzt. In dieser spontanen Ordnung, von der Friedrich August von Hayek gesprochen hat, gibt es Raum für Experimente, für Unvorhersehbares und Abweichendes. Und unsere Vorschläge sind keine Patentrezepte, sondern mögliche Lösungsansätze, selbstverständlich solche, die uns sympathisch sind und denen wir viel zutrauen.

Und wenn Sie sich fragen, welche Wirtschaftsordnung am meisten Wohlstand, Wohlfahrt und technischen Fortschritt gebracht hat, müssen Sie nicht lange suchen: Es ist die Marktwirtschaft. Es wäre geradezu grotesk, nicht an der Weiterentwicklung und Vertiefung der Marktwirtschaft zu arbeiten, sondern Ideen dort zu holen, wo keinerlei positiver Leistungsausweis besteht. Marktwirtschaft heisst Nutzung des Wissens aller Menschen, die sich direkt oder indirekt auf dem Markt begegnen.

Avenir Suisse nimmt nicht an politischen Prozessen wie Vernehmlassungen oder Abstimmungen teil. Wieso nicht?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste: Als Think-Tank wollen wir unkonventionelle Lösungen präsentieren. Dazu braucht es die Orientierung an der langen Frist: Frühzeitige Beiträge zur wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Meinungsbildung schaffen eine fruchtbare Basis für Reformen. Dazu kommt, dass es für die kurzfristige Arbeit genügend Institutionen gibt, Parteien oder Verbände. Dann sind wir keine Lobby-Organisation, wir wollen Probleme analysieren und Lösungsideen entwickeln, nicht für die Durchsetzung dieser Ideen kämpfen; das müssen andere tun, die unsere Ideen gut finden. Schliesslich mündet all das in unser Motto: unabhängig, aber nicht neutral. Würden wir uns am politischen Prozess beteiligen, wäre unsere Unabhängigkeit rasch im Eimer, wir würden bestimmten Parteien zugeordnet, nicht einfach einer liberalen Weltanschauung.

Gemeinnützige Förderstiftungen halten sich politisch zurück, wobei der Hebel für viele gesellschaftliche Probleme in der Änderung von gesetzlichen Regelungen liegt. Sollten sie sich stärker einmischen?

Stifter und Mäzene spenden oft mit grosser Diskretion. Da scheint es irgendwie stimmig, dass sich auch die Stiftungen politisch etwas zurückhalten. Würden sie das nicht tun, würde man ihnen vorwerfen, dass sie grossen, fast anonymen Stiftern als politische Vehikel dienen. Verstärkte Einmischung setzt also Transparenz über die Herkunft der Gelder voraus – und natürlich hängt vieles vom Stiftungszweck ab. Avenir Suisse ist auch eine Stiftung und explizit dafür geschaffen, sich «einzumischen», mit Forschung und Ideen.

Eine liberale Gesellschaft lebt von zivilgesellschaftlichem Engagement. Soll und kann der Staat dieses fördern?

Ja, sicher. Zivilgesellschaftliches Engagement steht für wahrgenommene Verantwortung und ist Ausdruck einer nicht von oben verordneten, sondern freiwilligen, individuell praktizierten Gemeinwohlorientierung des Eigentums. In Bereichen wie Bildung, Kultur, Soziales, Sport oder Umweltschutz sind Stiftungen ein gutes Instrument zur Mobilisierung privaten Kapitals für gemeinnützige Zwecke. Privates Engagement und Kapital ermöglichen Innovation, Vielfalt und Wettbewerb für die Bewältigung gesellschaftlicher Probleme. Und sie bringen mehr Bedürfnisgerechtigkeit als zentrale Entscheide. Es wäre viel gewonnen, wenn der Staat die Bildung privater Vermögen nicht bremsen und private Initiative nicht verdrängen würde. Eher sollte er Funktionen, die er heute wahrnimmt, in Stiftungen auslagern. Je mehr sich der Staat engagiert, desto höher werden die Steuern sein müssen. Die verfügbaren Mittel möglicher Stifter sinken entsprechend. Fast noch schlimmer ist, dass durch die Wahrnehmung sozialer und kultureller Aufgaben durch den Staat die Menschen sich von ihrer persönlichen Verantwortung entbunden fühlen. Der Staat verdrängt, etwas pathetisch gesagt, die Nächstenliebe.

Herzlichen Dank!

Das Interview erschien unter dem Titel «Liberales Gesellschaftsbild» in  «Philanthropie Aktuell» 
im September 2015.