Die Schweizer Löhne sind sehr gleichmässig verteilt

Gini-Index OECDIn der laufenden Verteilungsdebatte hat sich vielerorts die Ansicht verfestigt, dass der Schweizer Arbeitsmarkt speziell «ungleiche» Resultate hervorbringt. Der gebannte Blick auf «Abzocker» und «Hungerlöhne» trübt aber die Wahrnehmung des Wesentlichen. Die extremen Enden der Schweizer Lohnverteilung sind kaum repräsentativ, vor allem die sehr hohen Löhne sind ein Ausnahmephänomen. Die 2500 Einkommensmillionäre entsprechen gerade einmal 0,06% der Schweizer Erwerbstätigen. Entscheidend ist vielmehr, wie die Mitte der Lohnverteilung besetzt ist. 2010 befanden sich 62,5% der Schweizer Lohnempfänger in einem Bereich von 70% bis 150% um den Medianlohn (den mittleren Lohn). Das waren mehr als 2,8 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Auch wenn der Mittelstand etwas zurückgesetzt wurde, bleibt er doch breit verankert. Darum ist die Verteilung der Schweizer Löhne keineswegs so ungleich, wie dies oft behauptet wird.

Im Gegenteil: die Löhne von vollzeitlich angestellten Arbeitnehmern – und damit in erster Näherung auch die Stundenlöhne – sind in keinem OECD-Land (und wahrscheinlich in keinem anderen Land der Welt) so gleichmässig verteilt wie in der Schweiz. Mit einem Gini-Koeffizienten von 0.24 steht die Schweiz in dieser Hinsicht sogar «besser» da als die skandinavischen Staaten, die als sehr egalitär gelten. Am anderen Ende der Verteilungsrangliste stehen die angelsächsischen Länder, zusammen mit Portugal, Polen und Israel. Die Nachbarn der Schweiz gruppieren sich wie die meisten europäischen Länder um den OECD-Mittelwert des Gini-Koeffizienten von 0.33.

Der Gini-Koeffizient ist zwar das am meisten verbreitete Verteilungsmass, als blosse Zahl vermittelt er uns aber keine greifbare Vorstellung über das Ausmass der Ungleichheit. Das folgende Gedankenexperiment kann weiterhelfen: Wirft man alle Schweizer Vollzeitverträge in eine grosse Trommel und zieht daraus viele Male und zufällig jeweils zwei Stellen, so unterscheiden sich deren Löhne im Durchschnitt um 48%. In Norwegen wird dieser Wert auf 60% zu liegen kommen, in Deutschland auf 64% und in den USA auf 86%.

Ein Hauptgrund für die sehr gleichmässige Verteilung der Schweizer Vollzeitlöhne dürfte in der starken Stellung der dualen Berufsbildung liegen. Die Berufslehre betont die Ausbildung mittlerer Qualifikationen und sorgt gleichzeitig dafür, dass der Anteil der Menschen ohne nachobligatorische Bildung mit etwas mehr als 5% sehr tief bleibt. Der Anteil der Tieflohnbezüger ist damit glücklicherweise bescheiden. Ebenso zentral ist aber die Erkenntnis, dass ein liberales Arbeitsrecht und eine flexible Lohnbildung nicht automatisch zu hoher Ungleichheit führen.

Mit einem Gini-Koeffizienten von 0.49 sind die Lohneinkommen in der erwerbsfähigen Bevölkerung (zwischen 25 und 64 Jahren) der Schweiz ungleicher verteilt als die Vollzeiteinkommen. Das ist zwar auch in allen Ländern der Fall, weil ein Teil der Bevölkerung dem Arbeitsmarkt fern bleibt, nur teilzeitlich beschäftigt ist oder unter Arbeitslosigkeit leidet. Trotzdem verschlechtert sich die relative Position der Schweiz, wenn man die Löhne aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer untersucht und nicht nur jene der Vollzeitangestellten. Immerhin bleibt sie auch in dieser Hinsicht klar unter dem OECD-Durchschnitt, der bei einem Gini-Koeffizienten von 0.55 liegt.

Der Hauptgrund für diesen «Abstieg» dürfte darin liegen, dass der Anteil der Teilzeitangestellten mit relativ tiefem Beschäftigungsgrad in der Schweiz besonders hoch ist, vor allem im Vergleich mit den skandinavischen Ländern. Dieser Unterschied betrifft vor allem die Frauen, denn Männer arbeiten vorwiegend zu 100%. Während in der Schweiz fast 60% der weiblichen Angestellten eine Teilzeitstelle besetzen, arbeiten 80% der finnischen Arbeitnehmerinnen Vollzeit. Dabei fällt zusätzlich ins Gewicht, dass sich der Lohn mit sinkendem Pensum in der Regel leicht überproportional verringert, weil die Fixkosten der Arbeit auf weniger Stunden umgelegt werden können. Eine noch bessere Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt wäre darum ein Weg zu einer (noch) gleichmässigeren Verteilung des Wohlstands in der Schweiz.

Schlagwörter: Lohnentwicklung, Lohnungleichheit
Dr. Patrik Schellenbauer ist stellvertretender Direktor von Avenir Suisse und betreut schwergewichtig die Themen Bildung, Arbeitsmarkt, Verteilung sowie Immobilien. Er ist ausserdem Lehrbeauftragter der ETH Zürich für Immobilien- und Stadtökonomie. Frühere berufliche Stationen waren die Zürcher Kantonalbank, wo er den Bereich Immobilienrisiken leitete sowie eine Stelle als Oberassistent an der ETH Zürich.

2 Kommentare

  • Markus Saurer

    Es ist sehr gut, dass der Autor die Wertungen „besser“ und „Abstieg“ – vielleicht hat es noch mehr davon im Artikel – in Anführungszeichen gesetzt hat. Die Empirie kann den Umverteilungsfanatikern entgegengehalten werden, die oft erhebliche und steigende Ungleichheiten behaupten. Interessanter als der Verteilungskoeffizient oder auch dessen Entwicklung über die Zeit wäre die Dynamik des Systems im Sinne von Durchlässigkeit. Mit welcher Wahrscheinlichkeit steigt ein Mitglied der untersten Einkommensklassen während seiner beruflichen Karriere in die nächsthöhere, die übernächsthöhere usw. Einkommensklasse auf? Mit welcher Wahrscheinlichkeit steigen Mitglieder höherer Klassen ab? Wenn wir hier zwar eine recht flache Verteilung haben, diese jedoch zementiert erschiene, dann wäre dies sicherlich problematisch.

    • Patrik Schellenbauer

      Die Durchlässigkeit ist genau so wichtig wie die (statische) Verteilung der Einkommen im Querschnitt. Leider gibt es zur entscheidenden Frage der Einkommensmobilität keine aktuellen Zahlen für die Schweiz. Die letzte brauchbare Untersuchung von Boris Zürcher stützt sich auf Daten aus den 1990er Jahren. Diese Untersuchung belegt immerhin, dass es damals in der Schweiz eine beträchtliche Mobilität der individuellen Einkommen gab.

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