Der in der Alterspflege altgediente Grundsatz «ambulant vor stationär» stimmt nicht für jede pflegebedürftige Person – weder in finanzieller, noch in qualitativer Hinsicht. Die Politik ist deshalb gefordert, die Aufgaben in der Alterspflege gesamtheitlich anzugehen.

In der alternden Gesellschaft wird der schonende Umgang mit knappen Personalressourcen immer wichtiger. Im Bereich der Alterspflege heisst das, nicht nur die Effizienz von Spitex-Organisationen und von Alters- und Pflegeheimen, sondern die ganze Altersversorgungskette zu optimieren.

Strategie «ambulant MIT stationär»

Je nach Situation übersteigen aber die täglichen Spitex-Kosten bereits nach 90 bis 120 Minuten Tagespflege die Tagespauschale eines Pflegeheims. Der Grund liegt darin, dass Heime ihre Ressourcen effizienter einsetzen können. Es bestehen keine unproduktiven Anreisewege und die Mitarbeiter können besser entsprechend ihren Kompetenzen – hochqualifiziertes Personal für die Pflege, weniger qualifiziertes für die Betreuung – eingesetzt werden.

Die bisherige pauschale Forderung «ambulant vor stationär» greift deshalb zu kurz. Sie unterstellt, dass ambulante Behandlungen «billig und besser» und Heimleistungen «teuer und schlechter» sind. Welche Form der Alterspflege aus ökonomischer und persönlicher Sicht ideal ist, muss aber stets im Einzelfall ermittelt werden. In einem gemeinsamen Positionspapier fordern die kantonalen Sektionen der Pro Senectute, Curaviva (Heimverband) und Spitex des Kantons St-Gallen, dass die Politik eine Strategie von «ambulant MIT stationär» verfolge. Schon alleine die Tatsache, dass die drei Organisationen gemeinsam auftreten, zeugt vom aktuellen Sinneswandel in der Alterspflege.

Neues Angebot findet neue Nachfrage

Die alleinige Betrachtung der Stückkosten, also der Kosten für eine im ambulanten oder stationären Kontext erbrachten Pflegeminute, reicht nicht aus, um eine optimale Gestaltung der Versorgungskette zu gewährleisten.

 

Versorgung-Pro-Kanton_DE_670pxNicht zwangsläufig führt der Ausbau der ambulanten Pflege zu einer Reduktion des stationären Pflegebedarfs. Kantone, die viele Spitex-Mitarbeiter pro Einwohner ausweisen, benötigen zum Teil gleichviel, mitunter sogar mehr Heimbetten pro Einwohner als andere Kantone mit deutlich weniger Pflegepersonal im ambulanten Bereich (vgl. Grafik). So bieten die Alters- und Pflegeheime sowohl der Kantone Solothurn und Basel-Land in der Deutschschweiz und der Kantone Waadt und Jura in der Romandie alle etwa 200 Betten für tausend Über-80-Jährige an. Die Deutschschweizer Kantone beschäftigen jedoch nur halb so viele Spitex-Angestellte wie die Westschweizer Kantone.

Warum? Im stationären wie im ambulanten Bereich zieht ein zusätzliches Angebot jeweils auch eine zusätzliche Nachfrage nach sich. Neue Stellen im Spitex-Bereich führen nicht nur zu einer Substitution der Nachfrage nach Leistungen in Alters- und Pflegeheimen, sondern können auch eine neue Nachfrage im ambulanten Bereich befriedigen, die bisher durch Angehörige gedeckt oder sogar ausgelassen wurde.

Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen ist der Ansatz «ambulant MIT stationär» sinnvoll für die Alterspflegepolitik, denn es braucht ein koordiniertes Vorgehen über die ganze Versorgungskette: Erstens eine gezielte Fokussierung der Heime auf schwer pflegebedürftige, häufig demente Patienten, zweitens die Schaffung von intermediären Entlastungsangeboten, die Lösungen zwischen dem Verbleib zu Hause und dem Heimeintritt anbieten, und drittens ein optimiertes Spitex-Angebot.