Das Thema der Armut beschäftigt den neuen Papst, und das an sich ist noch nicht überraschend. Denn beim Thema Armut stellen sich Fragen nach Schuld, Leiden und Mitgefühl. Damit befassen sich alle Glaubensrichtungen seit jeher. Erstaunlich ist jedoch, wie Papst Leo XIV das Thema in seiner ersten grossen Schrift behandelt. Er legt einen starken Fokus auf die wirtschaftspolitische Dimension der Armut – und er lässt sich dabei zu so manchen heiklen Aussagen hinreissen.
Das beginnt bereits bei der Definition. So schreibt der Papst: «Wenn man sagt, dass die moderne Welt die Armut verringert hat, dann misst man sie mit Kriterien aus anderen Epochen.» Auch in Politdebatten wird immer wieder verlangt, Armut als relatives Phänomen zu verstehen. Denn betrachtet man sie absolut, ist der Fall klar: Immer weniger Menschen leiden grosse materielle Not. Laut der Weltbank lebten 1990 noch über 43% der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute sind es noch gut 10%.
Wer jedoch Armut politisch bewirtschaften will, der bezieht sich – wie der Papst – auf die relative Armut. Dieses Konzept der Armut misst sich an Wohlstandsunterschieden innerhalb einer Gesellschaft. Als arm gilt, wer deutlich weniger als der gesellschaftliche Durchschnitt hat. Dies führt dazu, dass die «Armut» unverändert bleibt, selbst wenn der Wohlstand gleichmässig steigt – die Bekämpfung der relativen Armut ist damit eine Art politisches (und päpstliches) Perpetuum mobile.
Über diese etwas einseitige Definition liesse sich noch hinwegsehen. Problematischer ist die päpstliche Analyse der Armutsursachen. So findet man im Schreiben Sätze wie: «Es ist daher notwendig, weiterhin die ‘Diktatur einer Wirtschaft, die tötet’ anzuprangern.» An diversen Stellen wird ein deutliches Unbehagen gegenüber freien Märkten spürbar. Wer sich der Geschichte bewusst ist, kann sich hier einer gewissen Ironie nicht verwehren.
So war das erfolgreichste Programm zur Bekämpfung von Armut die Industrialisierung, und diese hat ihre Wurzeln in der europäischen Aufklärung. Vor 300 Jahren wurde eine massgeblich von der Kirche geprägte, autoritäre Gesellschaftsstruktur nach und nach aufgelöst. Die Menschen sollten frei interagieren können – im öffentlichen Raum, in Vereinen und auf Märkten. Diese neue Gesellschafts- und Wirtschaftsform tötete nicht, sie verlängerte vielmehr das Leben: Aus einer weltweit gemessenen Lebenserwartung von unter 30 Jahren um 1800 wurden über 70 Jahre heute.
Beim Papst aber ist «die Wirtschaft» und «der Markt» für Armut verantwortlich. Vor diesem Hintergrund erstaunen denn auch seine Forderungen zur Armutsbekämpfung nicht. Sie erinnern an ideologisch gefärbte Polparteien. So schreibt der Pontifex markig: «Die Strukturen der Ungerechtigkeit müssen mit der Kraft des Guten erkannt und zerstört werden (…) durch die Entwicklung wirksamer politischer Massnahmen zur Umgestaltung der Gesellschaft.»
Selbstredend gilt es, Strukturen der Ungerechtigkeit auszumerzen. Doch gerade unter dem Deckmantel der «Kraft des Guten» und der «Umgestaltung der Gesellschaft» hat die Menschheit die grössten Ungerechtigkeiten hervorgebracht. Das zeigt schon nur ein flüchtiger Blick in die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit ihren totalitären Episoden. Kombiniert mit dem päpstlichen Misstrauen gegenüber Märkten ist zu befürchten, dass «gut gemeint» einmal mehr zum Gegenteil von «gut gemacht» führt.
Das erste Lehrschreiben von Leo XIV lässt einem damit etwas enttäuscht und ratlos zurück. Das ist schade, denn die Herausforderungen unserer Zeit sind gross. Es gäbe vieles anzupacken. Zum einen in der Kirche selbst. Vor diesem Hintergrund hat die Kritik an «Strukturen der Ungerechtigkeit» in Wirtschaft und Gesellschaft auch einen etwas schalen Beigeschmack. Betreibt der Vatikan doch selbst eine skandalträchtige Bank, und Vertreter der Kirche in Machtpositionen haben immer wieder mit Missbräuchen von sich reden gemacht.
Zum anderen gäbe das Thema Armut für den Papst durchaus etwas her – jedoch weniger aus materieller, sondern vielmehr aus einer spirituellen Perspektive. Denn materieller Reichtum muss keineswegs mit innerer Fülle einhergehen. Darauf deuten gerade auch Entwicklungen in reichen westlichen Ländern. Das Thema «spirituelle Armut» würde sich hervorragend für ein päpstliches Lehrschreiben eignen. Gibt es eine solche Armut? Und wenn ja, worin liegt sie begründet, und was gilt es dagegen zu tun? Diese Fragen wären weniger wirtschaftspolitischer, sondern theologischer Natur – und sie würden damit in die eigentliche Kernkompetenz des Papstes fallen.
Dieser Beitrag ist in der «NZZ am Sonntag» vom 2. November 2025 erschienen.