Wie viele Kandidierende stellten sich in Ihrer Gemeinde für einen Sitz im Gemeinderat zur Wahl? Die Spannweite bei den kommunalen Wahlen vom Sonntag war beträchtlich. Während sich in Schmitten 33 Personen um 9 Sitze bewarben, traten andernorts genauso viele Kandidierende an, wie Mandate zu vergeben waren. Solche Unterschiede lassen sich teils mit Rekrutierungsschwierigkeiten erklären. In kleineren Gemeinden finden sich schlicht nicht immer genug politisch engagierte Bürgerinnen und Bürger. Entscheidend für die Zahl der Kandidierenden ist jedoch auch das Wahlsystem – und hier geht der Kanton Freiburg einen Sonderweg.
Freiburger Gemeinden gehen einen eigenen Weg
In der Schweiz wird grundsätzlich nach zwei Wahlsystemen gewählt: Majorz oder Proporz. Beim Proporz werden die Sitze entsprechend dem Stimmenanteil der Parteien verteilt. Dieses System kommt bei Parlamenten zum Einsatz – etwa beim Nationalrat, Grossrat oder Generalrat.
Beim Majorz hingegen stehen die einzelnen Personen im Vordergrund: Gewählt ist, wer am meisten Stimmen erhält. Dieses Verfahren wird traditionell für den Ständerat sowie für die kantonalen und kommunalen Exekutiven, also Staats- und Gemeinderäte, angewendet.
So wählen schweizweit rund drei Viertel der Gemeinden ihre Gemeinderäte im Majorzsystem. Im Kanton Freiburg ist das anders: Viele Gemeinden wählen ihre Gemeinderäte im Proporzsystem. In Gemeinden mit mehr als 600 Einwohnern kann dieses Verfahren auf Antrag von 20 Personen eingeführt werden. Bei den jüngsten Wahlen machten 9 der 15 Gemeinden im Sensebezirk davon Gebrauch.
Unter Proporz gewinnen volle Listen
Das Proporzsystem verändert die Anreize für Parteien bei den Gemeinderatswahlen grundlegend. Entscheidend sind möglichst viele Listenstimmen, denn sie bestimmen die Sitzverteilung.
Listenstimmen entstehen auf zwei Arten: Jede Stimme für eine Kandidatin zählt automatisch auch als Stimme für deren Liste. Zudem gilt: Wer einen Wahlzettel mit Listenbezeichnung einwirft, ohne alle Felder auszufüllen, schenkt der betreffenden Partei auch für die Leerzeilen je eine Listenstimme.
Für Parteien lohnt es sich daher, möglichst vollständige Listen aufzustellen. Je mehr Kandidierende auf einer Liste stehen, desto weniger Leerzeilen bleiben – und damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Wählerinnen und Wähler freie Felder mit Namen anderer Parteien füllen. Hohe Kandidierendenzahlen sind daher kein Zufall, sondern eine direkte Folge des Proporzsystems.
Für den Gemeinderat sollten Köpfe zählen
Unter dem Proporzsystem stellen Parteien deshalb nicht nur die geeignetsten und motiviertesten Kandidierenden auf, sondern auch «Listenfüllerinnen und -füller». Kommt es während der Legislatur zu einem Rücktritt, können diese Personen nachrücken – unabhängig davon, wie stark sie persönlich von der Bevölkerung unterstützt werden. Gemeinderatswahlen werden so zu Partei- statt Persönlichkeitswahlen.
Das ist problematisch, besonders in Gemeinden mit einem Generalrat. Dort bildet das Parlament die parteipolitische Vielfalt bereits ab. Die Exekutive sollte entsprechend weniger Parteiarithmetik, sondern vor allem Kompetenz und breite Abstützung in der Bevölkerung widerspiegeln.
Für Gemeinderatswahlen spricht daher vieles für das Majorzsystem. Es erlaubt den Wählerinnen und Wählern, gezielt jene Personen zu wählen, die sie für am geeignetsten halten – ohne gleichzeitig einer Partei mit Listenstimmen zu helfen. Gemeinderätinnen und Gemeinderäte sollen breit abgestützt sein und persönlich Verantwortung übernehmen – nicht primär als Parteivertreterinnen und -vertreter.
Naheliegend ist deshalb, dass sich die Freiburger Gemeinden stärker am schweizweit verbreiteten Prinzip orientieren: Proporz für Parlamente, um politische Vielfalt abzubilden – Majorz für Exekutiven, damit breit abgestützte Köpfe gewählt werden. Denn auch bei kommunalen Wahlen sollte gelten: Qualität geht vor Quantität.
Dieser Beitrag ist in den «Freiburger Nachrichten» vom 10. März 2026 erschienen.
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