Donald Trump setzt Handelsbilanzdefizite mit Diebstahl am amerikanischen Volk gleich. Er müsste somit stolz sein auf die Überschüsse, die die USA im Dienstleistungshandel erzielen. Doch für Trump zählt nur die Industrie. Dabei übersieht er, dass der Austausch von Dienstleistungen (siehe Box) immer wichtiger wird.

Der Handelsökonom Richard Baldwin spricht sogar von einer neuen Phase der Globalisierung. Die Aufspaltung der Wertschöpfungsketten ist nicht mehr etwas, das auf die Industrie beschränkt ist: Wissen, Ideen und ganze Teams sind dank der Digitalisierung immer weniger an einen Ort gebunden. Beratung, Forschung oder IT-Leistungen werden heute per Datenleitung erbracht. Die Cloud ist der neue Container, Daten der neue Rohstoff.

Diese Entwicklung hat auch die Schweiz erfasst. Wir haben die wichtigsten Fakten zum Dienstleistungshandel zusammengetragen und zeigen, an welchen Stellschrauben die Politik drehen kann, um die Rahmenbedingungen zu verbessern.

1. Welche Bedeutung hat der Dienstleistungshandel für die Schweiz?

Der gesamte Dienstleistungshandel der Schweiz – also Exporte und Importe – erreichte im Jahr 2024 einen Wert von 347 Milliarden Franken und machte damit 41% des gesamten Aussenhandels aus. Seit 2015 wuchs er im Schnitt um über 4% pro Jahr und damit schneller als der Warenhandel (3,5%). Besonders stark nahmen die Dienstleistungsimporte zu, so dass aus einem leichten Überschuss im Dienstleistungshandel ein Defizit von knapp 31 Milliarden Franken wurde.

2. Welche Branchen prägen den Schweizer Dienstleistungshandel?

Der grösste Exportposten im Schweizer Dienstleistungshandel sind Lizenzgebühren (19%), etwa wenn ein US-Konzern ein in der Schweiz entwickeltes Medikament vertreibt. Es folgen Finanzdienstleistungen (15%) und der Tourismus (12%).

Auf der Importseite dominieren ebenfalls Lizenzgebühren (17%), z.B. für Software. Dahinter rangieren Transport- sowie Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen, etwa Studien, die Schweizer Unternehmen in ausländischen Labors in Auftrag geben. Der starke Anstieg bei Aufträgen für Forschung und Entwicklung ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass die Schweiz in den vergangenen Jahren zu einem Dienstleistungsimporteur geworden ist (siehe Grafik).

3. Wer sind unsere wichtigsten Handelspartner?

Wie im Warenhandel ist die EU auch bei Dienstleistungen die wichtigste Partnerin der Schweiz. Auf Länderebene führen die USA vor Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Diese Reihenfolge gilt sowohl für Exporte als auch für Importe. Aus allen drei Ländern bezieht die Schweiz mehr Dienstleistungen als sie dorthin exportiert. Im Fall der USA beträgt das Minus in der Dienstleistungsbilanz über 20 Milliarden Franken.

4. Wie viele Schweizer Arbeitsplätze hängen am Dienstleistungshandel?

Rund 78% aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten im Dienstleistungssektor. Laut OECD hängen 20% aller Arbeitsplätze direkt oder indirekt mit dem internationalen Dienstleistungshandel zusammen, was über einer Million Stellen entspricht.

Besonders sichtbar wird dies bei multinationalen Unternehmen. Im Jahr 2023 beschäftigten über 14’000 ausländische Firmen im Schweizer Tertiärsektor 417’000 Personen. Dies entspricht einem Anstieg von 28% innerhalb von zehn Jahren und damit einem deutlich stärkeren Stellenwachstum als in der Gesamtwirtschaft.

5. Welche Hürden bestehen im Handel mit Dienstleistungen – und wie offen ist die Schweiz?

Laut dem Services Trade Restrictiveness Index (STRI) der OECD haben viele Länder die Vorschriften für den internationalen Dienstleistungshandel in den letzten Jahren verschärft. Dazu gehören etwa strengere Zulassungspflichten für ausländische Anbieter oder Anforderungen, Kundendaten zwingend im Zielland zu speichern. Das hat zu tun mit geopolitischen Spannungen, nationalen Sicherheitsinteressen und dem Trend zum «Reshoring».

Im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz gut ab: Schienengüterverkehr, juristische Dienstleistungen, Architektur und Distribution sind sehr liberal geregelt. Dagegen gelten für Logistik, Computerdienste, Rundfunk und Kurierdienste vergleichsweise hohe Hürden. Beispiele sind das Postmonopol für Briefe unter 50 Gramm oder die 2024 in Kraft getretene «Lex Netflix». Die OECD kritisiert zudem Staatsbeteiligungen in mehreren Sektoren, weil sie den Wettbewerb verzerren können. Ferner bestehen Beschränkungen bei der Freizügigkeit für selbstständige Dienstleister, und die Gründung eines Unternehmens ist vergleichsweise aufwendig.

6. Was sollte die Politik tun?

Will die Schweiz im internationalen Dienstleistungshandel wettbewerbsfähig bleiben, muss sie drei Ziele verfolgen: Marktzugang sichern, bürokratische Kosten niedrig halten und neue Technologien verfügbar machen. Dies ist zentral, weil der Dienstleistungshandel für viele Schweizer Unternehmen ein tragendes Exportstandbein ist.

Wie im Warenhandel zählt auch hier nicht, ob ein Überschuss oder ein Defizit in der Handelsbilanz steht, sondern der Nutzen für Wirtschaft und Konsumenten. Hohe Importe und somit «Defizite» sind kein Zeichen von Schwäche – sie können Wettbewerb, Qualität und Vielfalt steigern und so den Standort Schweiz stärken. Die Schweizer Pharmaindustrie boomt auch deshalb, weil sie auf Forschung und Entwicklung in Drittstaaten zurückgreifen kann.

Es ist wichtig, bestehende Handelsabkommen gezielt zu modernisieren und neue Abkommen abzuschliessen, mit einem Fokus auf digitale Dienstleistungen, freie Datenflüsse und die gegenseitige Anerkennung von Berufsqualifikationen. Ein gutes Beispiel ist das Freihandelsabkommen mit Indien, das Verbesserungen beim Dienstleistungshandel bringt.

Innenpolitisch sollte man an drei Orten ansetzen:

1. Handelshürden abbauen: In geschützten Bereichen wie Logistik, digitalen Diensten sowie Rundfunk- und Kurierdiensten sollten Marktzugangsbeschränkungen gelockert werden.

2. Staatsbeteiligungen reduzieren: In Bereichen wie Post oder Telekommunikation sollte der Staat seine Eigentumsanteile senken und sich klar auf Kernaufgaben beschränken. Das verringert Wettbewerbsverzerrungen und verbessert die Position der Schweiz in internationalen Verhandlungen.

3. Neue Regulierungen auf Handelsverträglichkeit prüfen: Vor der Einführung neuer Gesetze sollte konsequent geprüft werden, ob sie unnötige Markteintrittshürden schaffen. Ein Beispiel: Eine Pflicht, alle Kundendaten in der Schweiz zu speichern, könnte ausländische Anbieter ausschliessen und Schweizer Firmen den Zugang zu internationalen Cloud-Diensten versperren.

Der Handel mit Dienstleistungen ist kein Nischenthema. Während bei den Waren lauthals über Zölle gestritten wird, gewinnt er leise, aber stetig an Bedeutung. Als Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert verdient er definitiv mehr Aufmerksamkeit.

Box: Was fällt alles unter den Begriff Dienstleistungshandel?

Internationaler Handel ist mehr als der Export von Uhren, Maschinen oder Schokolade. Dienstleistungen wie Tourismus, Finanzberatung, Transport, Unternehmensberatung, Lizenzierung oder IT werden ebenfalls über Grenzen hinweg angeboten – oft digital und ohne einen Zoll zu passieren. Die Welthandelsorganisation (WTO) unterscheidet zwischen vier Erbringungsarten (Modi):

  1. Grenzüberschreitende Dienstleistungserbringung ohne physische Präsenz im Abnehmerland (z.B. Fernunterricht).
  2. Auslandaufenthalt des Dienstleistungskonsumenten (z.B. Tourismus).
  3. Gründung einer geschäftlichen Präsenz im Ausland, welche Dienstleistungen erbringt (z.B. eine Bankfiliale).
  4. Präsenz natürlicher Personen (z.B. Montage einer Maschine).

Die statistische Erfassung von Dienstleistungen ist mit einigen Herausforderungen verbunden. So erfassen die Leistungsbilanzen beispielsweise den Modus 3 (Dienstleistungserbringung durch eine Zweigstelle im Ausland) nicht. Laut WTO machen diese aber über die Hälfte des weltweiten Dienstleistungshandels aus.

Hinzu kommen grössere Abgrenzungsprobleme. So stellen beispielsweise Wartungsverträge, die Service und Ersatzteile umfassen, eine Mischung aus Dienstleistungen und Waren dar. In die Wertschöpfungskette fast jedes Produkts fliessen zudem Dienstleistungen ein (z. B. Produktdesign), die aber fast nie als solche erfasst werden.