Die Fakten sind eigentlich überzeugend: über 20 Milliarden Franken Dienstleistungsüberschuss zugunsten der USA, rund eine halbe Million geschaffene Arbeitsplätze und der höchste Durchschnittslohn aller ausländischen Arbeitgeber – die Schweiz hat der US-Wirtschaft viel zu bieten. Trotzdem will Trump nun mit die höchsten Strafzölle auf Importe aus unserem Land erheben.
Der Fall zeigt: In der globalen Handelspolitik zählen Fakten immer weniger. Stattdessen regieren strategische Rechenspiele – mit unklaren Regeln und wechselnden Motiven. Im aktuellen Fall stehen Ursachen wie das hohe Güterbilanzdefizit oder Pharmapreise im Raum. Was auch immer die (vorgeschobenen) Gründe sind, klar ist: Die Schweizer Industrie gerät unter Druck – und mit ihr der gesamte Wirtschaftsstandort.
Unsicherheit ist das neue Normal
Die USA sind der wichtigste Exportmarkt der Schweiz auf Länderebene. Neue Handelsbarrieren bedrohen nicht nur bestehende Lieferketten, sondern auch Investitionsbeziehungen, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Zwar sind viele Schweizer Produkte hochspezialisiert und schwer zu ersetzen. Doch das schützt nur bedingt vor politischer Willkür, denn diese sorgt für Unsicherheit durchs Band.
Neben dem möglichen Strafzoll belastet vor allem die Planungsunsicherheit die Wirtschaft: Unternehmen verlieren die Möglichkeit, Investitionen langfristig zu planen, Lieferketten verlässlich zu organisieren oder Standortentscheide mit Sicherheit zu treffen. Diese strategische Unsicherheit ist für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie die Schweiz ebenso gravierend wie hohe Zölle.
Schweizer Agrar-Protektionismus
Gerade deshalb ist es entscheidend, dass die Schweiz wirtschaftspolitisch glaubwürdig bleibt. Wer in Washington faire Handelsbedingungen einfordert, sollte die eigenen Barrieren nicht ausblenden. Diese bestehen allen voran im Agrarsektor: Mit durchschnittlich 24,8% Agrarzöllen gehört die Schweiz zu den restriktivsten Märkten weltweit. Die Zölle sind dreimal so hoch wie in der EU, sechsmal so hoch wie in den USA.

Die hohen Agrarzölle verteuern Lebensmittel, belasten besonders einkommensschwache Haushalte und blockieren neue Freihandelsabkommen – nicht nur mit den USA. Gleichzeitig leisten sie kaum einen Beitrag zur Versorgungssicherheit, sondern zementieren teure Strukturen. Ein schrittweiser, sozialpolitisch abgefederter Abbau wäre ökonomisch sinnvoll und aussenpolitisch glaubwürdig.
Drei Antworten: taktisch, strategisch, nachhaltig
Ob die Abschaffung der Agrarzölle Trump allerdings besänftigen würde, ist fraglich. Grundsätzlich stellt sich die grössere Frage: Was tun, wenn wirtschaftliche Logik in der Handelspolitik versagt? Weder Unterwürfigkeit noch Resignation sind die Antwort – gefragt sind souveränes Handeln mit klarer Linie.
Es braucht drei Dinge:
- Eine taktisch kluge Diplomatie gegenüber den USA, welche die eigenen Interessen konsequent vertritt, gezielt zu Kompromissen bereit ist – ohne dabei fundamentale Prinzipien aufzugeben oder das Vertrauen anderer Handelspartner zu untergraben.
- Eine strategisch ausgerichtete Aussenwirtschaftspolitik, die darauf abzielt, neue Handelsabkommen zu ermöglichen, bestehende Partnerschaften zu vertiefen und wirtschaftliche Abhängigkeiten zu verringern.
- Nachhaltige Reformen im Inland, die den Wirtschaftsstandort langfristig stärken – durch den Abbau übermässiger Regulierung, gezielte Anreize für Innovation sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen.
Liberale Tradition statt Hysterie
Ob, wann und wie genau die US-Zölle greifen, ist derzeit offen. Doch schon die Ankündigung zeigt: Wer im Sturm bestehen will, muss das eigene Fundament stärken. Das gilt für die Aussenwirtschaft – aber noch mehr für den Schweizer Wirtschaftsstandort insgesamt.
Die Schweiz täte gut daran, sich auf ihre liberale Tradition zu besinnen, statt reflexartig nach staatlichen Eingriffen zu rufen. So wird etwa über eine direkte Einflussnahme des Bundes auf die Pharmapreise exportierender Unternehmen spekuliert – ein Beispiel für eine Massnahme, die nicht nur wirtschaftlich riskant wäre, sondern auch im klaren Widerspruch zum marktwirtschaftlichen Selbstverständnis unseres Landes stünde.
Trump lässt sich nicht ändern, aber die Schweiz kann ihre Position stärken: mit kluger Diplomatie gegenüber den USA, die taktisch agiert. Mit einer breit abgestützten Aussenwirtschaftspolitik in einer strategisch herausfordernden Welt. Und mit konsequenten Reformen im Inland – für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit.
Mehr Zahlen, Fakten und Ideen finden Sie in unserem Essential zur Aussenwirtschaft sowie in folgenden Beiträgen:
- Zollfestung Schweiz: Sieben Fragen zum Agrarprotektionismus
- Schweizer Antworten auf globale Umbrüche
- Trumps Zoll-Schocker: Was die Spieltheorie sagt
- Schweiz–USA: Neun Ideen für ein «Back to business»
- Welche Renaissance der Industrie wollen wir?