Nicht erst seit der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump ist klar: In den USA stehen sich zunehmend verfeindete Lager gegenüber. Die Rhetorik ist dabei von einem Schwarz-Weiss-Denken geprägt. Auf diese Entwicklung blicken wir aus der Schweiz heraus mit grosser Sorge – und das zu Recht. Doch gerade wenn es um komplexe Fragen geht, rutscht die öffentliche Debatte auch hierzulande schnell in zu einfache Muster ab.

Wenn Erfolg suspekt ist

So hat der 39-Prozent-Schock am Nationalfeiertag etwa dazu geführt, dass die verkürzte Handelsbilanz-Logik von einigen Beobachtern übernommen wurde. In der Folge galten die Basler Pharmafirmen und die Goldbranche plötzlich als suspekt, exportieren sie doch überproportional viel in die USA. Das führte teilweise zu einfach gestrickten Lösungsvorschlägen. Die einen überlegten sich, direkt in die Preisgestaltung der Pharmafirmen im Ausland einzugreifen, andere wiederum forderten Exportsteuern auf Gold.

Ein solcher Ansatz ist nicht nur ökonomisch fragwürdig, sondern er deckt auch eine innenpolitische Mechanik auf: Nämlich auf die komplexe Realität mit zu simplen «Lösungen» zu reagieren. Nur zu oft wird dann die Wirtschaft in vermeintlich gute und schlechte Unternehmen unterteilt. Dabei kann es jeden treffen. Heute sind es die Pharmafirmen und Goldfabrikanten, morgen vielleicht die Versicherungen und Finanzinstitute, und übermorgen die Maschinen- und Uhrenindustrie.

Irreführende Freund-Feind-Logik

Diese spaltende Rhetorik war bereits vor Trump zu beobachten. So heisst es etwa «Konzernverantwortungsinitiative», nicht «Unternehmensverantwortungsinitiative». Das am Ständemehr gescheiterte Volksbegehren wird in neuer Form demnächst wieder an die Urne kommen. Dahinter steckt dieselbe Schwarz-Weiss-Logik, dieses Mal entlang der Firmengrösse: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind gut, Konzerne böse.

Doch was unterscheidet die beiden fundamental? Ausser der Grösse: nicht viel. Letztlich geht jeder Konzern auf ein erfolgreiches KMU zurück – manchmal auch auf mehrere. So wurde Roche 1896 von Fritz Hoffmann-La Roche als Startup in Basel gegründet, und Novartis entstand über die Zeit aus verschiedenen kleinen Basler Chemiefirmen. Die Geschichte von Nestlé ist wiederum geprägt vom Einwanderer Henri Nestlé, der 1867 in Vevey ein Milchpulver entwickelte, um die Säuglingssterblichkeit zu bekämpfen.

Diese Firmen sind in der Folge nicht gewachsen, weil sie «böse» wurden, sondern weil sie erfolgreiche Lösungen für globale Probleme fanden. Nach dem Milchpulver revolutionierte etwa Nestlé den weltweiten Kaffeekonsum gleich zweimal: Zuerst 1937 mit Nescafé und 1986 mit Nespresso. Solche Innovationen sind die Grundpfeiler des Erfolgs von allen Schweizer Unternehmen, egal ob gross oder klein.

Ein Glücksfall für das Land

Wenn Schweizer Firmen auf ausländischen Märkten erfolgreich sind, ist das ein volkswirtschaftlicher Glücksfall. Die Zahlen sind eindrücklich: Die multinationalen Firmen stellen heute nur 6 Prozent aller Schweizer Unternehmen, sind aber für 29 Prozent der Arbeitsplätze verantwortlich – das sind mehr als 1,5 Millionen Stellen. Sie erwirtschaften 40 Prozent der gesamten Schweizer Wertschöpfung von 800 Milliarden Franken. Kein Wunder hebt auch der Internationale Währungsfonds in einem kürzlich veröffentlichten Bericht die tragende Rolle der grossen multinationalen Firmen hervor.

Auch für das Funktionieren des Schweizer Gemeinwesens sind diese Unternehmen zentral. Die multinationalen Firmen zahlen gut die Hälfte aller Unternehmenssteuern auf Bundesebene. Laut der «Handelszeitung» lieferten allein die «Big 5», also Roche, Nestlé, Novartis, die UBS und Zurich, im vergangenen Jahr 3,5 Milliarden Franken an Steuern schweizweit ab – das ist mehr als die Hälfte, die das Land derzeit für die Landesverteidigung ausgibt. Ohne diese erfolgreichen, einstigen KMU wäre die Schweiz ein deutlich ärmeres Land.

Für eine Abrüstung der Rhetorik

Historisch war man sich in der Schweiz stets bewusst, dass gute Wirtschaftspolitik keine Einteilung in «Gut» und «Böse» macht. Daher hat man, erstens, ausgewählte Industrien weder zurückgebunden noch gefördert. Zweitens hat die Verteidigung guter Rahmenbedingungen für alle immer wieder Mehrheiten gefunden – dazu gehören ein gutes Steuerumfeld, ein liberaler Arbeitsmarkt und eine schlanke Regulierung.

Denn eines ist klar: Trumps Handelspolitik ist eine Herausforderung, keine Katastrophe. Die Schweiz hat schon grössere Krisen gemeistert. Entscheidend ist eine umsichtige Anpassung der Wirtschaftspolitik an die neuen Realitäten. Nicht Feindbilder dürfen dabei die Richtung vorgeben, sondern die Stärkung struktureller Vorteile. Damit vom kleinen Goldfabrikanten bis zum multinationalen Konzern auch künftig jedes Unternehmen in der Schweiz erfolgreich sein kann.

Die Alternative wäre fatal: ein Land, das seine erfolgreichsten Unternehmen als Problem betrachtet und Wachstum als verdächtig einstuft. Dann schadet sich die Schweiz mehr als jeder amerikanische Zoll es je könnte.

Dieser Beitrag ist in der «NZZ» vom 1. Oktober 2025  erschienen.