«America First!», «Alternative für Deutschland», «Rassemblement National»: Das Nationale erlebt derzeit eine Renaissance, die Nation wird wieder wichtiger. Was bedeutet das für die Schweiz? Eine Antwort auf diese Frage hat einst Gottfried Keller gegeben. Der erste Staatsschreiber des Kantons Zürich schrieb: «Der Nationalcharakter der Schweiz besteht nicht in den ältesten Ahnen, noch in der Sage des Landes, noch sonst in irgendetwas Materiellem, sondern er besteht in der Liebe zur Freiheit.»

Die Freiheit, viel besungen, Schlüsselbestandteil fast jeder 1.-August-Rede: Ihr kommt in unserem Land seit jeher eine spezielle Rolle zu. Der Gründungsmythos des Wilhelm Tell dreht sich darum. Und das Land gilt gemeinhin als Hort der Freiheit, gerade auch in einer Welt der Unordnung. Doch diese Freiheit ist alles andere als gottgegeben. Sie muss stets aufs Neue verteidigt werden – und dabei stehen wir alle in der Pflicht.

These: Ohne innere Freiheit wird alles fragil

Was Freiheit bedeutet, verstehen viele intuitiv: Menschen sollen tun und lassen dürfen, was sie wollen, solange sie anderen nicht schaden. Dafür braucht es einen staatlichen Rahmen. Dieser hat die Freiheit nicht nur zu gewähren, sondern auch zu schützen. Freiheit ist dabei umfassend zu verstehen. Sie erstreckt sich auf alle erdenklichen Tätigkeiten. Die einen nutzen sie, um sich künstlerisch auszuleben, die anderen, um unternehmerisch tätig zu sein.

Freiheit wirkt damit immer als Lösungsmittel – und zwar im doppelten Wortsinn. Sie löst starre Strukturen auf und befreit die Individuen von gesellschaftlichen Verkrustungen. So trägt sie zur Lösung der stets aufs Neue anfallenden Probleme bei. Diese Eigenschaft der Freiheit macht klar: Sie ist Grundbedingung schlechthin für eine antifragile Gesellschaft.

Fast alle Prinzipien kommen bei ihr denn auch zum Zug. So schafft Freiheit Optionalität auf individueller Ebene: Dank ihr kann jede und jeder nach eigenem Ermessen auf Veränderungen reagieren. Das erlaubt den Menschen, Fehler zu machen und daraus zu lernen (Trial and Error). Die Konsequenzen von Fehlern müssen entsprechend von den jeweiligen Verursachern getragen werden – Freiheit und Verantwortung gehören untrennbar zusammen (Skin in the Game).

Eine Gesellschaft, die auf Freiheit setzt, ist immer von Volatilität geprägt: Auf der Ebene des Individuums kommt es regelmässig zu Erschütterungen. Doch gerade deshalb türmen sich hinter grossen Strukturen nicht die Risiken auf – Spannungen werden jeweils im Kleinen kontinuierlich gelöst. Freiheit erhebt schliesslich das antifragile Motto von «Small is beautiful» zur gesellschaftlichen Maxime: Ein freiheitlicher Staat baut auf dem Individuum auf, und jede Abweichung davon braucht eine Begründung (Dezentralisierung). Eine freie Gesellschaft ist damit im Kern antifragil.

Dessen ungeachtet hat die Geschichte gezeigt, dass uns die Freiheit immer wieder zu entgleiten droht. Weshalb? Die kurze Antwort lautet: Weil wir sie als etwas ausserhalb von uns sehen – wir fokussieren auf den staatlich garantierten Freiraum. Diese äussere Freiheit ist wie beschrieben wichtig. Sie ermöglicht den Menschen eine selbstbestimmte Entfaltung in der Welt. Damit Menschen aber auch wirklich selbstbestimmt agieren, braucht es mehr: die innere Freiheit.

Die innere Freiheit wird heute manchmal «Selbstwirksamkeit» genannt und ist gewissermassen die Verkörperung der Antifragilität in uns selbst. Es geht dabei um eine Art mentale Optionalität, also darum, auf verschiedene Arten zu denken, ohne dass man von fixen Denkmustern blockiert wird. Nur wer innerlich frei ist, empfindet sich selbst als aktiven Gestalter seines Lebens – als jemanden, der nicht bloss reagiert, sondern souverän handelt.

Die Herausforderung besteht nun darin, dass wir alle die innere Freiheit selbst erlangen müssen. Das ist alles andere als einfach, weil wir diese Aufgabe konsequent unterschätzen. Nur zu oft meinen wir, die Welt völlig klar und ohne jeglichen fremden Einfluss zu sehen. Doch in Tat und Wahrheit sind wir geprägt durch unsere Erziehung, die Medien und Ideologien – wir sehen die Welt entsprechend durch vorgefertigte «Filter».

Solche Filter sind nicht per se schlecht. Sie können uns in gewissen Situationen helfen, Dinge deutlicher zu erkennen – sie funktionieren manchmal wie eine Lupe. Die Filter werden aber zu einem Problem, wenn wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Wir beginnen dann, uns mit den Filtern zu identifizieren und das gefilterte Bild der Welt mit der Welt selbst zu verwechseln. In der Folge agieren wir anhand einer «Filter-Logik» und nicht mehr nach eigenem Ermessen.

Um innere Freiheit zu erlangen und selbstbestimmt zu handeln, müssen wir uns unserer Filter bewusst werden. Auf diese Weise entsteht Optionalität im Denken. Weil die Filter oft Teil unserer Identität geworden sind, fällt uns diese Aufgabe schwer. Doch an dieser steten Arbeit an uns selbst führt nichts vorbei. Sie stellt nicht nur das Fundament zur Antifragilität dar, sondern ist auch Kern einer jeden aufgeklärten Gesellschaft – oder in den Worten Kants: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.»

Was hat sich über die vergangenen 25 Jahre geändert?

Viele verorten die Aufklärung als eine vergangene und längst abgeschlossene historische Epoche. Die Errungenschaften jener Zeit – Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie – wurden in westlichen Ländern bis vor kurzem als garantiert betrachtet. Dass dem nicht so ist, zeigt sich seit der Jahrtausendwende immer deutlicher. Einmal mehr offenbart sich: Die Aufklärung ist ein stets unvollendetes Projekt. Der Grund dafür liegt darin, dass die innere Freiheit in jeder Generation aufs Neue errungen werden muss.

Diese Aufgabe ist geprägt durch die Technologie der jeweiligen Zeit. So waren die vergangenen 25 Jahre gekennzeichnet von massiven Fortschritten in den Informationstechnologien: Zuerst eroberte das Internet, dann das Smartphone den Alltag. Die Folge war eine fundamentale Veränderung der Art und Weise, wie Menschen die Welt wahrnehmen – mit anderen Worten: Die digitale Revolution hat die Funktionsweise sowie die Potenz unserer Filter transformiert.

Ein zentraler Aspekt dieses Umbruchs ist im sogenannten Medienwandel gespiegelt. Zeitungen, Radio und Fernsehen haben an Einfluss verloren. Stattdessen informieren sich immer mehr Menschen über Blogs, Podcasts und soziale Netzwerke. Wie bereits bei früheren Medienrevolutionen birgt dieser Wandel grosse Chancen. Aber es bestehen auch Gefahren. Nicht so sehr in der Schweiz, aber doch in einigen westlichen Ländern haben sich Filter des Opferdenkens verfestigt.

Den politischen Rändern kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Während am einen Pol die Diskriminierung entlang von Rasse, Geschlecht oder sexueller Orientierung im Zentrum steht, dreht sich am anderen Pol alles um die bedrängte Nation sowie eine Eliten-Volk-Abspaltung. Auf beiden Seiten ist die Identifizierung mit den jeweiligen Filtern schon weit fortgeschritten: Man sieht sich selbst als das grosse Opfer der Gegenwart – und meist wird die Täterschaft auch gleich auf der anderen Seite identifiziert.

Wie erwähnt, können Filter durchaus helfen, Missstände klarer zu sehen, etwa soziale Ungerechtigkeit oder elitäre Abgehobenheit. Aber wenn Menschen beginnen, ihre Filter zu ihrer Identität zu machen, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Das befeuert nicht nur die Polarisierung, sondern führt über kurz oder lang dazu, dass die Freiheit verlorengeht. Denn wer sich auf einen Opferstatus reduziert, der sieht den Staat nicht mehr als Garanten der Freiheit, sondern als Instrument der Erlösung: Die eine Gruppe (die Opfer) soll damit gestützt und die andere Gruppe (die Täter) zurückgebunden werden.

Was gilt es zu tun?

Bisher hat sich die Schweiz als Hort der Freiheit bewährt. Klar haben auch hierzulande Polarisierung und Medienwandel in der Gesellschaft Spuren hinterlassen. Aber es wurden keine derart tiefen Gräben aufgerissen wie in anderen Ländern. Dafür verantwortlich dürften verschiedene Institutionen sein, die in dieser Publikation diskutiert werden. So fordern etwa die Konsensorientierung, die Offenheit, das Milizsystem, die direkte Demokratie und der Föderalismus die Auseinandersetzung mit eigenen Filtern aktiv heraus und wirken einem Opfer-Narrativ entgegen.

Diese integrativen Institutionen zu pflegen, ist für die Bewahrung der Freiheit und damit der Antifragilität unserer Gesellschaft essenziell. Doch Institutionen allein reichen nicht, es braucht am Ende jede und jeden Einzelnen. Denn wie oben dargestellt, beginnt – und endet – die Freiheit immer bei uns selbst. Wir sollten daher niemals vergessen, dass auch wir die innere Freiheit verlieren können. Wir sind alles nur Menschen. Und wir alle haben eine Neigung, uns mit unseren Filtern zu identifizieren.

Wie können wir die innere Freiheit von uns selbst und von unseren Mitmenschen stärken? Indem wir diese Aufgabe in unseren Alltag integrieren. Begegnungen mit Andersdenkenden sollten nicht vermieden, sondern aktiv gesucht werden. Sie erhöhen unsere Wahrnehmung für Optionalität und zeigen uns neue Möglichkeiten der Selbstbestimmung auf. Sie sind die ideale Gelegenheit zur Stärkung der inneren Freiheit – es ist eine Art alltägliche Übung, die beidseitig zur Emanzipation von den jeweils eigenen Filtern anregen kann.

Das alles scheint vielleicht etwas sehr der Arbeit im Kleinen verhaftet zu sein. Doch das Grandiose ist bei der Verteidigung der Freiheit fehl am Platz. Wer der Freiheit verpflichtet ist, der hat sich in Demut zu üben und bei sich selbst zu beginnen. Da fügt es sich gut, dass die Schweiz weder «a great empire» noch «la Grande Nation» ist. Der Nationalcharakter unseres Landes bleibt der Liebe zur Freiheit verpflichtet – einer Liebe, die jede und jeder für sich entdecken muss.

Dieser Text ist ein Kapitel aus dem Buch «Antifragile Schweiz – 17 Strategien für eine Welt der Unordnung», das am 28. November 2025 erscheinen wird. Eine gekürzte Version des Beitrags ist am 10. November  2025 in der «NZZ»  erschienen.