«Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen» spottete einst Winston Churchill. Die teilweise sehr unterschiedlichen Aussagen zur zukünftigen Finanzierbarkeit der AHV scheinen dieses Bonmot zu bekräftigen. Ist die Zukunft der AHV ebenso schlecht prognostizierbar wie das Wetter in zwei Monaten? Nicht ganz. Im Gegensatz zum Wetter ist die Altersvorsorge kein chaotisches System, sondern mathematisch exakt abhängig von einer überschaubaren Anzahl klar definierter Einflussgrössen. Unterschiedliche Prognosen sind deshalb letztlich immer das Resultat unterschiedlicher Annahmen über die Werte dieser Einflussgrössen.

Ein Berechnungstool zum Download

Damit sich niemand mehr den Kopf über die Herkunft und die allfällige politische Motivation von AHV-Szenarien zerbrechen muss, stellte Avenir Suisse schon vor 3 Jahren ein Berechnungstool dazu online, mit dem sich jeder seine eigene Prognose erstellen und die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen kann.

Dieses Tool haben wir nun aktualisiert und noch etwas präzisiert. Ihnen stehen fünf volkswirtschaftliche und vier politische Einflussgrössen zur Verfügung, die Sie nach Belieben anpassen können.

Als Vergleichsszenario und Ausgangsbasis dient das Bevölkerungsszenario des Bundesamtes für Statistik mit einem «moderat hohen Wanderungssaldo» (A-09-2010), das angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Schweiz und in Europa wohl eher als ein mittleres Wanderungsszenario betrachtet werden sollte. Die Ausgangsannahmen zu Reallohnwachstum, Inflationsrate und Anlagerendite entsprechen im Wesentlichen jenen des Bundesrates.

Die schwarze Linie in der Grafik zeigt die Entwicklung des AHV-Fonds (linke Skala). Dieser ergibt sich aus der Kumulierung der jährlichen Betriebsergebnisse und sollte 100% der jährlichen Ausgaben nicht unterschreiten. Die rote Linie zeigt die Entwicklung des Umlageergebnisses (rechte Skala). Dieses entspricht dem Betriebsergebnis abzüglich des Anlageertrags aus dem AHV-Fonds und spiegelt die demographische Komponente deutlich besser als das um den Anlageertrag «verfälschte» Betriebsergebnis. Es sollte nicht negativ sein.

Hier gehts’s zum Download..

Bevor Sie mit dem Experiment beginnen, sollten Sie die unten stehenden Erklärungen zu den einzelnen Einflussgrössen lesen. Diese helfen Ihnen, plausible Werte zu wählen und die Ergebnisse anschliessend zu interpretieren.

Wir wünschen Ihnen viel Spass!

Erläuterungen zu den volkswirtschaftliche Einflussgrössen

  • Reallohnwachstum (ohne Strukturveränderung): jährliches Wachstum des durchschnittlichen Reallohns eines Erwerbstätigen in einem bestimmten Berufsfeld. Da die Rentenzahlungen gemäss Mischindex nur um die Hälfte dieses Reallohnanstiegs erhöht werden, wirkt sich ein höheres Reallohnwachstum positiv auf die AHV-Rechnung aus.
  • Reallohnwachstum durch Strukturveränderung: jährliches Reallohnwachstum, das nicht aus dem Lohnanstieg innerhalb eines Berufsfeldes, sondern aus Veränderungen der Arbeitnehmerstruktur (Schrumpfung von Niedriglohnbereichen, Wachstum von Hochlohnbereichen) resultiert. Dieses Wachstum erhöht nur die AHV-Einnahmen, nicht aber die AHV-Ausgaben, denn der AHV-Mischindex berücksichtigt nur den Lohnanstieg innerhalb der Berufsfelder.
  • Inflationsrate: Sie hat nur marginale Auswirkungen auf die AHV-Rechnung: Die Höhe der Rentenzahlungen wird nur jedes zweite Jahr an den Preisanstieg angepasst, die Höhe der AHV-Beiträge hingegen ist direkt vom Nominallohn abhängig. In den Jahren ohne Anpassung sind die (realen) AHV-Ausgaben deshalb jeweils etwas kleiner. Sehr hohe Inflationsraten führen in diesen Jahren zu höheren Einsparungen, was sich langfristig positiv auf den AHV-Fonds auswirkt.
  • Bevölkerungsszenario: Hier können Sie zwischen einem mittleren Szenario des BfS (A-09-2010) und dem Szenario «hohe Zuwanderung» (A-11-2010) wählen. Für das mittlere setzen Sie den Wert auf «0», für das hohe auf «1». Das mittlere Szenario geht davon aus, dass die jährliche Nettozuwanderung während der nächsten 15 Jahre langsam wieder auf 30‘000 Personen sinkt. Das klingt im Vergleich zu den Zuwanderungszahlen der letzten Jahre nach einem tiefen Wert, scheint jedoch langfristig angesichts der sich abzeichnenden Bestrebungen, die Zuwanderung einzuschränken, durchaus realistisch. «Hohe Zuwanderung» geht davon aus, dass die relative Attraktivität der Schweiz auch langfristig erhalten bleibt und es ihr nicht gelingt, die Zuwanderung signifikant einzudämmen. In diesem Szenario verharrt die Nettozuwanderung langfristig auf 60‘000 Personen pro Jahr. Auf die AHV-Rechnung hat eine hohe Zuwanderung positive Auswirkungen, da sie überproportional durch Personen im Erwerbsalter erfolgt.
  • Anlagerendite: Jährliche reale Rendite auf das verwaltete Vermögen im AHV-Fonds. Bei einer Inflation von 1% ist für eine reale Rendite von 2% eine nominelle Rendite von 3% (1% + 2%) nötig. Die 2% des Basisszenarios entsprechen dem Durchschnittswert seit 1990, scheinen aber zurzeit eher optimistisch gewählt. Eine hohe Anlagerendite beeinflusst das Betriebsergebnis und somit die Entwicklung des AHV-Fonds positiv. Auf das Umlageergebnis hat sie hingegen keinen Einfluss.

Erläuterungen zu den politischen Einflussgrössen

  • Kopplung Rentenalter an Lebenserwartung: Diese Option entspricht einem Vorschlag, den Avenir Suisse schon vor 5 Jahren publizierte: Eine kontinuierliche Anpassung des Rentenalters an den Anstieg der im Alter von 65 verbleibenden Lebenserwartung würde die AHV-Rechnung deutlich entlasten. Die Rentenbezugsdauer könnte dadurch stabilisiert werden. Für eine 1:1 Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung wählen Sie hier eine «1». Sie können aber auch beliebige andere Werte zwischen 0 und 1 eingeben. «0.6» würde beispielsweise bedeuten: Steigt die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren um 1 Jahr würde das Rentenalter um 0,6 Jahre erhöht.
  • Beitragssatz: Geben Sie hier einen beliebigen Zielbeitragssatz für Unselbstständigerwerbende ein. Im Modell wird die Wirkung berechnet, die eine kontinuierliche, lineare Erhöhung bzw. Senkung des Beitragssatzes ab 2015 bis auf den von Ihnen eingegebenen Wert im Jahr 2034 hat. Danach bleibt der Beitragssatz konstant.
  • Mehrwertsteuersatz: Geben Sie hier einen beliebigen Mehrwertsteuersatz ein. Aktuell kommen 0,83 Prozentpunkte der Mehrwertsteuer direkt der Finanzierung der AHV zu Gute. Jeder über 8,0% hinausgehende Betrag dient in diesem Modell direkt der Finanzierung der AHV. Es wird die Wirkung berechnet, die eine kontinuierliche, lineare Erhöhung bzw. Senkung des Mehrwertsteuersatzes ab 2015 bis auf den von Ihnen eingegebenen Wert im Jahr 2034 hat. Danach bleibt der Mehrwertsteuersatz konstant.
  • Rentenkürzung um x %: Geben Sie hier ein beliebiges Ziel für eine allfällige Rentenkürzung ein. Auch hier gilt: Die gewählte Rentenkürzung findet ab 2015 schrittweise statt und tritt im Jahr 2034 voll in Kraft.