Welchen Anteil an den Gesundheitskosten soll der Einzelne eigenverantwortlich tragen? Wie viel soll kollektiv via Krankenkassenbeiträge oder Steuern finanziert werden? Ist es überhaupt richtig, Eigenverantwortung als Gegenpol der Solidarität darzustellen? Nein, ganz im Gegenteil!, findet Jérôme Cosandey in seinem Gastbeitrag im Kundenmagazin der Krankenversicherung Sanitas.

Eigenverantwortung und Solidarität sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Jedes Mitglied eines Kollektivs hat die moralische Verpflichtung, den potenziellen Schaden für die Solidargemeinschaft möglichst gering zu halten. Alles andere ist keine Solidarität, sondern Umverteilung auf Kosten der anderen. Ich illustriere dies gerne mit dem Bild einer Seilschaft am Berg. Das Seil ist zwar das definierende Element einer solchen Gruppe, es wird aber nur als Ultima Ratio eingesetzt. Die Solidarität zwischen den Mitgliedern der Seilschaft besteht primär nicht darin, sich anzuseilen, sondern sich körperlich und geistig für die Tour vorzubereiten, die passende Ausrüstung mitzunehmen und durch ihr Verhalten einen Sturz in eine Gletscherspalte möglichst zu vermeiden. Erst wenn jemand trotz aller Vorsorgemassnahmen abstürzt, kommt das Seil zum Zug.

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Alle Mitglieder einer Solidargemeinschaft sichern sich gegenseitig ab, aber jeder trägt Verantwortung für sein eigenes Vorwärtskommen. (Bild Wikimedia Commons)

In einer alternden Gesellschaft wird die Bedeutung der Eigenverantwortung in der Seilschaft, die Generationen zusammenbindet, zunehmen. Warum? Heute stehen etwa zwölf Personen im Erwerbsalter jeder über 80-jährigen Person gegenüber, in zwanzig Jahren werden es nur noch sieben sein. Bleibt der Anteil des Pflegepersonals in der Erwerbsbevölkerung bis dann konstant und nimmt man die Anzahl über 80-Jähriger als Indikator für den Pflegebedarf (das Gros der Gesundheitskosten fällt in den zwei Jahren vor dem Tod an), stehen 2035 circa vierzig Prozent weniger Personal pro Pflegebedürftigem zur Verfügung als heute. Will man dennoch die gleiche Pflegeleistung pro Person erbringen, so würde man massiv mehr Pflegepersonal benötigen. Dies wird nicht nur hohe Kosten für die jüngeren Generationen nach sich ziehen, sondern unsere Gesellschaft vor grosse Rekrutierungsprobleme stellen.

Einen solchen Ausbau halte ich weder für realistisch noch für sinnvoll. Der finanzielle und personelle Engpass kann nur reduziert werden, wenn jeder von uns seine Eigenverantwortung wahrnimmt und versucht, möglichst lang von der Unterstützung Dritter unabhängig zu bleiben oder sie mit der gebotenen Rücksicht in Anspruch zu nehmen.

Was kann jeder Einzelne tun?

  • Um bei der Analogie der Seilschaft zu bleiben: Erstens müssen wir uns fit für die Tour machen. Besonders im hohen Alter ist zunehmend mit chronischen Krankheiten zu rechnen. Glücklicherweise liegen die wichtigsten Risikofaktoren, die solche Krankheiten fördern, im Einflussbereich der Individuen: übermässiger Konsum von Alkohol und Tabak, schlechte Essgewohnheiten sowie fehlende Bewegung. Allein schon die Reduktion dieser Risikofaktoren auf ein vernünftiges Mass kann wesentlich zum Wohlergehen beitragen und damit die Phase der Unabhängigkeit verlängern.
  • Zweitens ist die passende Ausrüstung für die Bergtour im Pflegekontext das altersgerechte Wohnen. «Nicht für Alte gebaut, aber an Alte gedacht», lautet hier der Leitspruch. Es geht nicht darum, die Infrastruktur eines Pflegeheims zu Hause nachzuahmen, sondern auf Kleinigkeiten zu achten, die einem das Leben später erleichtern: eine Wohnung im Erdgeschoss oder in einem Haus mit einem Lift; rollstuhlgängige Flure und Badezimmer; eine Dusche mit Sitzmöglichkeit usw.
  • Drittens bleibt die Frage des Verhaltens: Wie geht der Einzelne mit seinem Vermögen um? Die heutige Finanzierung der Langzeitpflege wird von Vielen als unfair empfunden, weil Sparen für die Alterspflege bestraft, Konsum hingegen belohnt wird. Wer beim Pflegeheimeintritt noch Kapital besitzt, muss den Aufenthalt selber zahlen, wer nicht, wird mit Ergänzungsleistungen unterstützt, die aus Steuergeldern alimentiert werden.

Lösungsvorschlag: individuelles Pflegekapital

Neue Finanzierungsmodelle drängen sich auf, doch politisch wird darüber kaum debattiert. Avenir Suisse schlägt die Bildung eines obligatorischen individuellen Pflegekapitals vor. Die angesparten Mittel sind im Pflegefall für alle Leistungen einsetzbar, ob Pflege oder Betreuung, ob zu Hause oder im Heim, je nach Präferenz. Mit dem Pflegekapital wäre alles aus einer Hand finanziert. Das Pflegepersonal müsste nicht mehr akribisch notieren, was von der Krankenkasse, was von der Gemeinde und was von den Ergänzungsleistungen bezahlt wird, sondern könnte sich vermehrt den Patienten widmen.

Im Gegensatz zu anderen Pflegeversicherungen handelt es sich bei diesem Lösungsvorschlag nicht um eine zentrale, anonyme Umverteilungsmaschine. Nein, hier spart jeder auf seinem Konto Gelder an, die er für die eigene Alterspflege brauchen kann. Die nicht verwendeten Ersparnisse werden im Todesfall vererbt. So wird die Unterstützung der Angehörigen honoriert, der schonende Umgang mit Ressourcen angeregt und die Eigenverantwortung gestärkt.

 

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 2/16 des Kundenmagazins der Krankenversicherung Sanitas erschienen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.