Bei den jüngeren Generationen wächst die Skepsis, was die künftigen finanziellen Leistungen der Vorsorgeeinrichtungen betrifft. Dieses Misstrauen gegenüber der Altersvorsorge wird bestärkt durch eine Dezimierung der Anlageerträge infolge ultratiefer und sogar negativer Nominalzinsen. Gleichzeitig wachsen die materiellen Ansprüche und der Wunsch nach Gestaltungsspielraum.

Die Anforderungen an die Beschäftigten, etwa in Bezug auf die zeitliche Verfügbarkeit und an das Qualifikationsniveau, sind nicht kleiner geworden – im Gegenteil. Daraus erwächst ein Anspruch auf Eigenverantwortung, Gestaltungsspielräume, Mitsprache und auf eine Entlöhnung, die sich an Spitzensalären orientiert. Frauen wollen ihr Wissen sowie ihre Kompetenzen in der Berufswelt einsetzen und streben eine neue Rollenverteilung in der Familie an. Aber auch Männer wünschen eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben. Und in der Altersvorsorge ist die Möglichkeit erwünscht, eine individuelle, auf die Risikopräferenzen zugeschnittene Anlagestrategie zu wählen. Anderseits hat der rasche wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel Verunsicherung ausgelöst. Das ist ein Grund, weshalb viele Menschen auf die Wahrung des Besitzstands pochen. Entsprechend lauter werden Forderungen an den Staat. Die Bereitschaft für Reformen, gerade in der Altersvorsorge, wird entsprechend geschmälert.

Altersvorsorge: Mobilität im Alter

Im reiferen Alter wird Wert gelegt auf Unabhängigkeit und Mobilität. (Wikimedia Commons)

Variierende Antriebskräfte

Die Biografien der Menschen verlaufen nicht mehr so linear wie früher. Über den Lebenszyklus hinweg verändern sich die Antriebskräfte: Bei jungen Menschen spielt der Wunsch nach Mobilität, einer breit abgestützten Ausbildung und Auslandserfahrungen eine wichtige Rolle. Um dies zu erreichen, sparen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Später rücken andere Bedürfnisse ins Zentrum – etwa der Wunsch, den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Weitere Ziele können die eigenen vier Wände sein, wie die starke Zunahme der Hypothekarverschuldung in den vergangenen zwanzig Jahren bezeugt. Schliesslich richtet sich das Augenmerk auf die finanzielle Unabhängigkeit nach der Pensionierung: Alternde Menschen möchten selbst unter gesundheitlich erschwerten Bedingungen möglichst mobil bleiben, sich so lange wie möglich zu Hause pflegen lassen und nötigenfalls in einen Alterswohnsitz ihrer Wahl übersiedeln. So oder so wird in allen Lebensphasen aus Vorsorgemotiven auf Gegenwartskonsum verzichtet.

Skepsis gegenüber Vorsorgeeinrichtungen

Natürlich steht bei jungen Menschen die Vorsorge für die Zeit nach der Pensionierung nicht zuoberst auf der Prioritätenliste. Dennoch wird das heute noch geringe Interesse wohl oder übel einer intensiveren Beschäftigung mit diesem Thema weichen. Karrierebrüche oder Ehescheidungen beispielsweise sollten finanziell überbrückt werden können. Die Skepsis in Bezug auf die künftigen finanziellen Leistungen der Vorsorgeeinrichtungen nimmt bei den jüngeren Generationen zu. Die Politik ultratiefer und sogar negativer Nominalzinsen, die Anlageerträge dezimiert und wahrscheinlich noch während längerer Zeit verfolgt wird, beeinflusst das Vorsorgeverhalten zusätzlich: Man legt mehr Geld auf die Seite, weil man wegen des ausbleibenden Zinseszinseffekts länger braucht, um Spar- und Anlageziele zu erreichen – sofern man sich nicht in risikoreicheren Anlageinstrumenten engagieren will, was erhöhte Anforderungen an die Finanzkenntnisse stellt.

Über all dem steht jedoch die Lebensqualität. Dazu gehören finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit sowie ein Einkommens- und Wohlstandsniveau, die die Realisierung materieller und immaterieller Lebensziele ermöglichen und erleichtern. So verstandene Lebensqualität ist nur innerhalb von Rahmenbedingungen zu erhalten, die es den Menschen erlauben, ihre persönlichen Ziele zu verfolgen.

Dieser Text basiert auf einem Interview, das am 28. Juli 2016 auf der Website Panorama-Magazin/Raiffeisen-Blog erschienen ist.