Vor 30 Jahren, im Dezember 1995, erschien das Buch «Mut zum Aufbruch». Die Autoren waren Ökonomen, Professoren und Wirtschaftskapitäne, und sie erlebten nach der Publikation, was man heute einen Shitstorm nennen würde. Der «Blick» nannte die Autoren «Sozialabbau-Millionäre», die Linke witterte einen Angriff auf den sozialen Frieden. Und was wirklich überraschte: Auch Bürgerliche zerrissen das Buch.
FDP-Präsident Franz Steinegger sprach von einer «Befehlsausgabe der Wirtschaftsführer», und Bundesrat Kaspar Villiger kritisierte, das Weissbuch sei unsensibel. Das erstaunte. Denn einig war man sich im Befund: Die Schweiz steckte in einer der tiefsten Krisen seit langem. Jahrelange Rezession, fünf Prozent Arbeitslosigkeit und Staatsfinanzen, die aus dem Ruder liefen – oder wie der «Blick» titelte: «Hilfe, die Schweiz geht pleite!»
Trotz dem Verriss hatte das Buch eine Wirkung auf die Schweizer Wirtschaftspolitik. In den Jahren nach der Publikation wurden wohl so viele Reformen angepackt wie lange nicht mehr. Die PTT wurde aufgeteilt in Post und Swisscom, und der Telekommarkt wurde liberalisiert. Auch andere Märkte sahen erste Liberalisierungsschritte. Und 2001 nahm das Volk die Schuldenbremse mit 84,7 Prozent Ja-Stimmen an.
Vergleich mit den Nachbarn führt in die Irre
Seit der Jahrtausendwende hat sich die Schweiz wirtschaftlich dann auch positiv entwickelt: Das reale Pro-Kopf-Einkommen kletterte um einen Viertel. Und die jüngsten Krisen hat das Land vergleichsweise gut überstanden. Unsere Nachbarländer kämpfen mit deutlich grösseren Problemen. Das sollte aber nicht zu sehr beruhigen. Ein solcher Eurozentrismus in wirtschaftspolitischen Fragen ist heikel – und zwar ungleich heikler als vor 30 Jahren.
So war damals Europa das wirtschaftliche Epizentrum der Welt. Die kommunistischen Länder des Ostens wurden geöffnet und der EU-Binnenmarkt ausgeweitet. Die Schweiz drohte hier den Anschluss zu verpassen. Seit der Jahrtausendwende hat sich das Bild aber geändert. Der Aufstieg Chinas und Südostasiens hat die wirtschaftlichen Gewichte verschoben. Und während die USA ihre relative Stärke behaupten konnten, hat Europa an Boden verloren.
Deshalb ist der Vergleich mit unseren stagnierenden Nachbarländern gefährlich. Die Notwendigkeit eines Aufbruchs ist heute anderer Natur als in den 1990er Jahren. Natürlich sind einige Punkte der «Mut zum Aufbruch»-Agenda weiterhin relevant, ja haben sogar noch an Dringlichkeit gewonnen – etwa Reformen der Altersvorsorge. Doch während nach dem Kalten Krieg das Einfahren einer Friedensdividende und ein Aufbruch in ganz Europa anstanden, stehen die Vorzeichen heute anders.
Die öffentliche Debatte dominieren Bagatellthemen
Als kleine offene Volkswirtschaft gilt es, sich in dieser neuen Welt der Unordnung zu behaupten. Der Schlüssel dazu liegt in einer antifragilen Schweiz: Es muss sichergestellt werden, dass unser Land die kommenden Krisen nicht einfach übersteht, sondern daran wächst. Denn geopolitische Verwerfungen werden uns treffen – ja sie tun es heute schon. Der zunehmende Protektionismus hinterlässt Spuren: Das reale Wirtschaftswachstum pro Kopf hat sich jüngst abgekühlt, die Erwerbslosenquote ist angestiegen.
Dessen ungeachtet hat man bisher den Mut zum Aufbruch noch nicht gefunden. Wie die Debatte um die schiefen Bundesfinanzen zeigt, ist denkbar wenig Aufbruchstimmung zu spüren. Wichtig wären Grundsatzdiskussionen zur geänderten Weltlage gewesen und was das für sicherheits- und wirtschaftspolitische Weichenstellungen bedingen würde. Doch stattdessen haben Bagatellthemen wie die Subventionierung eines Nachtzugs nach Malmö viel Platz in der öffentlichen Debatte eingenommen.
Sollten die wirtschaftlichen und militärischen Spannungen rund um den Globus weiter zunehmen, dürften Probleme wie Nachtzugverbindungen nach Skandinavien rasch in den Hintergrund treten. Schon heute blickt die Schweizer Bevölkerung laut einer ETH-Studie so pessimistisch wie seit Jahren nicht mehr in die Zukunft. Deutlich niedrigere Werte findet man nur noch in den 1990er Jahren – also genau in jener Zeit, als das Buch «Mut zum Aufbruch» entstanden ist.
Das spricht dafür, dass grosse Reformprojekte bald wieder angepackt werden. Unsere Institutionen sind diesbezüglich durchaus leistungsfähig. Föderalismus, Konkordanz und direkte Demokratie, sie alle haben das Land durch viele Krisen getragen und Reformen ermöglicht – langsam, konfliktreich, aber tragfähig. Was es jedoch immer zusätzlich brauchte: ein breites Bewusstsein des Handlungsbedarfs. Genau dieses Bewusstsein scheint derzeit zu wachsen. Und so kann die Schweiz im neuen Jahr auch den Mut zum Aufbruch finden.
Diese Kolumne ist in der «NZZ am Sonntag» vom 28. Dezember 2025 erschienen.