«Die Rente reicht nicht mehr» – mit ernsten Gesichtern mahnten Rentner von den Abstimmungsplakaten zur 13. AHV und prägten das Bild einer grassierenden Altersarmut. Die emotional aufgeladene Kampagne zeigte Wirkung: Zwar war die Zustimmung bei den von der Vorlage profitierenden Rentnerinnen und Rentnern am höchsten, doch selbst bei den unter 40-Jährigen stimmten laut Nachbefragungen über 45 Prozent dem Ausbau zu.

Während das Parlament nun über die Finanzierung streitet, kündigt sich mit der Mitte-Initiative bereits der nächste Rentenausbau an. Getragen wird die steigende Last durch die Sozialwerke primär von den Erwerbstätigen – also den Jüngeren. Inmitten dieser Ausbauwelle stellt sich die entscheidende Frage: Wie steht es um die Altersarmut? Braucht es diesen massiven Ausbau, um sie zu lindern?

Als arm gilt heute in der Schweiz, wer weniger als 2400 Franken im Monat als Einzelperson zur Verfügung hat. Damit müssen Ausgaben für Essen, Wohnen und Mobilität gedeckt werden – Krankenkassenprämien oder Steuern sind hier noch nicht eingerechnet, weshalb die Armutsgrenze eher bei 3000 Franken liegt.

Ein Blick auf die nackten Zahlen scheint das Bild der verbreiteten Altersarmut zunächst zu bestätigen: Mit 14,9 Prozent gelten Rentnerhaushalte fast doppelt so häufig als einkommensarm wie die Gesamtbevölkerung mit 8,4 Prozent. Doch diese Sichtweise, die nur die Einkommen einbezieht, blendet einen Teil der Realität aus. Sie ignoriert, dass Pensionierte in einer anderen Lebensphase stehen als Erwerbstätige: Sie zehren oft von dem beträchtlichen Vermögen, das sie über Jahrzehnte angespart haben – etwa mit privaten Geldanlagen aber auch in der Pensionskasse.

Berücksichtigt man nebst dem Einkommen auch das Vermögen, halbiert sich die Armutsquote der Rentnerhaushalte auf 7,4 Prozent. Und auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit: Eigenheime fliessen in diese Betrachtung nämlich nicht ein. Da Rentner in der Schweiz häufiger im Eigenheim wohnen, dürfte die tatsächliche Armutsquote nochmals deutlich tiefer ausfallen.

Die Armutsmessung hat also ihre Tücken. Aber man kann die Personen auch direkt fragen, wie es ihnen geht. Und hier zeigt sich: Ausgerechnet die Gruppe, die statistisch gesehen oft als arm gilt, berichtet am seltensten von finanziellen Schwierigkeiten. Im Vergleich zur Erwerbsbevölkerung geben Rentnerinnen und Rentner deutlich seltener an, Mühe zu haben, über die Runden zu kommen. Das spiegelt sich auch im Wohlbefinden wider: Fast jeder zweite Rentner bezeichnet sich als «sehr zufrieden» mit seinem Leben – in der Gesamtbevölkerung ist es nur jeder Dritte.

Die Zahlen sprechen also eine klare Sprache: Den Rentnerinnen und Rentnern geht es vergleichsweise gut. Härtefälle gibt es zwar auch unter den Älteren, aber sie können auf bedarfsorientierte Leistungen wie Ergänzungsleistungen zurückgreifen. Gezielte Hilfe für Armutsbetroffene ist sinnvoll – pauschale Milliardenzahlungen an eine insgesamt gut gestellte Generation sind es nicht.

Aus den Biografien wird auch klar: Armut entsteht meist nicht erst im Alter – sie entsteht weit vorher. Wer im Erwerbsleben den Anschluss verliert, trägt dieses Risiko in die Pension hinein. Nach dem Renteneintritt ist es für Korrekturen an der Vorsorge zu spät und es bleibt nur noch die zielgerechte Unterstützung. Die beste Armutsprävention bleibt daher die erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt.

Damit dies gelingt, braucht es einen aufnahmefähigen Arbeitsmarkt. Und dieser ist dann aufnahmefähig, wenn die Steuern und Sozialabgaben moderat sind. Dann lohnt es sich für den Einzelnen zu arbeiten und für Unternehmen, Leute einzustellen. Ein pauschaler Rentenausbau trägt also wenig zur Armutsreduktion bei, und kann sogar kontraproduktiv wirken: Denn höhere Abgaben und Steuern machen Arbeit weniger attraktiv – und fördern damit die Altersarmut von morgen.

Dieser Beitrag ist am 12. Mai 2026 als Gastkommentar in den CH-Media-Blättern erschienen (z.B. «Luzerner Zeitung»).

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