Unsere Analyse zur Lohnprozentbremse hat in der Schweiz für Diskussionen gesorgt – in den Medien, im Bundeshaus und in der Fachwelt. Das ist erfreulich, denn die institutionelle Asymmetrie zwischen Steuern und steuerähnlichen Sozialversicherungsbeiträgen ist ein strukturelles Problem, das bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Hier sind unsere Antworten auf die drei häufigsten Einwände zur Analyse.
1. Steigende Lohnabgaben sind doch weniger schlimm als Steuererhöhungen, weil die Arbeitgeber die Hälfte übernehmen müssen?
Auf dem Papier ist die Belastung von Lohnabgaben hälftig zwischen Arbeitnehmenden und Arbeitgebern aufgeteilt, das stimmt. Die tatsächliche Wirkung sieht jedoch anders aus. Die Forschung zeigt, dass zwischen 66% und 90% der gesamten Lohnabgabenlast auf Arbeitnehmende überwälzt werden (Melguizo & González-Páramo, 2013). Der Arbeitgeberanteil wird nämlich über tiefere Löhne weitergegeben. Die formale Aufteilung auf dem Papier trügt also: Den substanziellen Teil der Last tragen letztlich die Arbeitnehmenden.
2. Lohnbeiträge belasten hohe Einkommen doch stärker als die Mehrwertsteuer, sollten sie daher nicht tiefere politische Hürden haben?
Grundsätzlich rechtfertigen Verteilungswirkungen eine institutionelle Asymmetrie nicht. Finanzierungsentscheide sollten auf sachlichen Gründen beruhen und sich nicht am Weg des geringsten politischen Widerstands orientieren. Zudem greift das verteilungspolitische Argument zu kurz. Die Progressivität von Lohnbeiträgen wird in der öffentlichen Debatte nämlich überschätzt (BSS, 2026). Die Bemessungsgrundlage von Lohnbeiträgen ist eng: Erfasst wird nur Arbeitseinkommen. Die Hauptlast tragen somit Erwerbstätige und besonders jüngere Haushalte und Familien. Pensionierte hingegen beziehen ihr Einkommen beispielsweise mehrheitlich aus Renten und Kapitalerträgen – beides liegt ausserhalb der Bemessungsgrundlage von Lohnbeiträgen.
3. Die Schweiz hat international besonders tiefe Lohnnebenkosten. Können wir uns ein paar Lohnprozente nicht leisten?
Die Schweiz steht hinsichtlich der Lohnnebenkosten im OECD-Vergleich gut da. Man sollte aber nicht unterschätzen, was auf dem Spiel steht. Die tiefen Lohnnebenkosten sind das Gegengewicht zu den im internationalen Vergleich sehr hohen Schweizer Löhnen. Auch wenn Arbeitnehmende einen substanziellen Teil der Lohnbeiträge tragen, erhöhen die Beiträge die Kosten für Unternehmen – und der Standort wird mit jedem zusätzlichen Lohnprozent unattraktiver. Empirische Untersuchungen zeigen, dass ein Anstieg der Arbeitgeber-Sozialversicherungsbeiträge um einen Prozentpunkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land als Hauptsitzstandort gewählt wird, um 5,5% bis 6,8% senkt (Egger et al., 2013). Auch wirken Lohnbeiträge besonders bei Zweitverdienern sowie älteren Arbeitnehmenden beschäftigungsdämpfend, was tendenziell den Fachkräftemangel verschärfen dürfte (OECD, 2011). Höhere Lohnkosten schaden somit der Wettbewerbsfähigkeit – ebenso wie hohe Steuern oder andere ungünstige Standortbedingungen.
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